Aus der Festschrift zum 50jährigen Bestehen 1952: 50 Jahre Kirchenchor Ahsen

Von Hubert Eggenstein, Ahsen

Chorflagge
Chorflagge

Es darf mit Recht angenommen werden, dass Karl der Große in Ahsen schon eine Kapelle erbaut hat, und zwar an der Stelle, wo heute die schmucke Dorfkirche steht. "Nachweislich hatte Ahsen schon frühzeitig eine Kapelle (zur aller seligsten Jungfrau Maria) mit einem Rektor. Wie es um den Kirchengesang zu jener Zeit und in den folgenden Jahrhunderten bestellt war, wissen wir nicht. Wenn auch kein Kirchenchor bestand, so haben sich doch sicher zu jeder Zeit sangeskundige und sangesfreudige Männer bereit gefunden, den Kirchengesang zu führen und zu pflegen. Besonders an den hohen Festtagen und bei besonderen Anlässen wird in der kleinen Kirche feierlich gesungen worden sein. Aus dem 19. Jahrhundert ist bekannt, dass in Ahsen der Versuch gemacht worden ist, zur Pflege des kirchlichen und weltlichen Gesanges einen Verein zu gründen. Johann Pricking aus Ahsen bildete sich in der Musik aus und leitete den Ahsener Gesangverein, bis ihm das Amt des Organisten und Küsters an der Pfarrkirche in Olfen übertragen wurde. Man musste sich nach einem anderen Dirigenten umsehen und fand in den Lehrern Woltering in Flaesheim und Schulz in Clostern neue Chorleiter. Die Proben fanden bei Heinrich Kernmann statt. Die weiten Wege für die Dirigenten beeinträchtigten jedoch die Vereinsarbeit und verursachten erhebliche Kosten. So geschah es, dass das Vereinsleben immer wieder zum Erliegen kam. Doch setzten sich einzelne Männer unentwegt für den Kirchengesang ein.

Es leben im Gedächtnis der Bevölkerung die Namen der tatkräftigsten und opferbereitesten Männer fort, und sie mögen auch hier genannt werden:
Josef Beckmann, Florenz Bilke, Theodor Böcker, Heinrich Hölscher, Johann Joemann, Bernhard Joemann, Stephan Feldhaus, Heinrich Kemmann, Heinrich Mutz, Anton Niewöhner, Arnold Prenger, Franz Prenger und Hermann Wiegmann.

Sie fanden ihren Platz in dem Vogelsangs-Letter auf dem Kirchenchor, um den Pfarrer namentlich bei der feierlichen Gestaltung der Vesper und der Bruderschaftsandachten zu unterstützen. Sie trugen dabei ein Rochett. Neben dem Singen mussten sich die Sänger viel mit Notenschreiben beschäftigen. Auch für die Orgel wurden die Gesänge mühsam geschrieben, wie die noch vorhandenen, über hundert Jahre alten Orgelbücher beweisen.

Leider fehlte es oft an einem Organisten. Um diesem Übelstande für längere Zeit abzuhelfen, ließ der Pfarrer Niewöhner seine Nichte Auguste Niewöhner von dem Organisten Pricking in Olfen im Orgelspiel ausbilden. In ihrem 19. Lebensjahr übernahm sie das Organistenamt und übte es, auch nach ihrer Verheiratung mit dem Ahsener Bürger Hölscher, bis zu ihrem Tode (19.10.1932) aus. Mit seltener Treue und Opferwilligkeit hat Auguste Hölscher 61 Jahre lang in der Ahsener Kirche zur Ehre Gottes und zur Erbauung der Gläubigen die Orgel gespielt. Noch vier Wochen vor ihrem Hinscheiden bestieg sie als 80jährige Greisin die Orgelbank. Es wird ihrer stets in Ehren gedacht werden.

Von 1898 bis 1904 wirkte an der Ahsener Schule der Lehrer Peter Klein. Er war sehr sangeskundig und -freudig und besaß eine ausgezeichnete Tenorstimme. Er entschloss sich, den Gesang in Ahsen wieder zu beleben und zu fördern. Am ersten November 1902 gründete er unter schwierigsten Verhältnissen einen Gesangverein. Der junge Verein gab sich, um das Vereinsleben in geordneten Bahnen zu halten, klare Statuten, die von allen Mitgliedern durch eigenhändige Unterschrift anerkannt wurden.

Der § 1 lautete: Der am 1. November 1902 gegründete Männergesangverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, in erster Linie den kirchlichen Gesang, dann aber auch den polyphonen weltlichen Gesang zu pflegen. Die übrigen Paragraphen behandelten Zahl und Zeit der Übungsstunden, Aufnahme in den Verein, Strafen bei Versäumnissen und die Generalversammlung. Die Niederschrift ist bei dem Bombenangriff auf Ahsen am 11. November 1944 verlorengegangen.

Die ersten Mitglieder waren:
Wilhelm Beckmann, Wilhelm Böcker, Hubert Bomholt, Josef Büning, Josef Deppenwiese, Ferdinand Fork, August Hans, Heinrich Hölscher, Wilhelm Kemmann, Josef Kemmann, Josef Leyting, Heinrich Mutz, Johann Prenger, Hermann Schaemann, Wilhelm Schaemann, Wilhelm Spörkel
Der erste Vorsitzende wurde Wilhelm Kemmann, der dieses Amt bis zum Jahre 1928 ausgeübt hat. Ihm folgten nacheinander: Heinrich Mutz, Heinrich Möllmann jr., Vinzenz Wanz und August Dortmann. Seit 1948 ist Heinrich Hölscher jr. Vorsitzender.

Als Rheinländer brachte der erste Dirigent, Peter Klein, stets Frohsinn und Scherz mit in die Übungsstunden. Er verstand es, den Geist der Kameradschaft zu wecken und zu pflegen, Lust und Liebe zum Gesang zu erhalten und zu steigern und so einen zuverlässigen Stamm zu bilden, der den Fortbestand des neuen Vereins sichern sollte. Als Übungsraum wurde ein Klassenzimmer benutzt. Nun saßen die Männer wieder in den Schulbänken um den Choral und mehrstimmige kirchliche und weltliche Gesänge zu erlernen. Das Mitbringen der damals gebräuchlichen langen Pfeife war gestattet.

Zur Ergänzung des Männerchores wurde ein Kinderchor gebildet. Reichte die Zahl der Schulknaben nicht aus, so wurden nach Bedarf auch Schulmädchen hinzugezogen. Es galt bei den Schulkindern als besondere Ehre, im Kirchenchor mitsingen zu dürfen.

Leider schied der Gründer des Vereins schon nach 2 Jahren von Ahsen, um eine Lehrerstelle in seiner rheinischen Heimat in Honnef am Rhein zu übernehmen. Ihm folgte zunächst der Lehrer Bernhard Hortebusch in der Leitung des Vereins. Er hatte von Anfang an dem Verein sein Interesse zugewandt und mit seiner reichen musikalischen Begabung und Erfahrung die ersten Arbeiten unterstützt.

Bald übernahm aber der Nachfolger des Lehrers Klein, der Lehrer Karl Kiene, das Dirigentenamt. Unter seiner tatkräftigen Stabführung festigte sich das Vereinsleben weiter. Der Gesangverein nahm in der Dorfgemeinschaft Ahsen bald eine hochgeachtete, in kultureller Beziehung vorbildliche Stellung ein. Das zeigte sich besonders am Feste der Fahnenweihe, am 30. Juni 1908. Das ganze Dorf nahm an dem Fest teil. Auf dem Marktplatz war eine Tribüne errichtet, auf der bei der Fahnenweihe der festgebende Verein zusammen mit seinem Vorsitzenden, Herrn Gemeindevorsteher Wilhelm Kemmann, und dem Dirigenten Karl Keine, Aufstellung nahm. Eine Musikkapelle und die Gesangvereine "Eintracht" Waltrop, "Männergesangverein" Datteln (Dirigent Schülting), "Liederhort" Datteln (Dirigent Hortebusch), "Liederkranz" Henrichenburg und "Cäcilia" Hullern (Dirigent Greveler) gruppierten sich um die Tribüne. Tausende von Zuschauern umstanden den festlich geschmückten Platz. Stille trat ein, als Fräulein Henrike Wiegmann den Prolog vortrug, der die Wirkung des Gesanges auf die Menschenherzen in Freud und Leid pries und die Sänger von nah und fern aufforderte, stets und besonders am Feste der Fahnenweihe das Beste zum Ruhme der edlen Musik zu bieten. Dann enthüllte der Dirigent Kiene die Fahne, die sich nun in ihrer Pracht den Blicken der Sänger und Festteilnehmer darbot. Fräulein Lohmüller sprach darauf in einem Prolog frohe und ernste, mahnende Worte:

So möge holde Eintracht blühen stets, hier im Verein.
In Lieb und Treu zur Fahne halten, soll stets eure Losung sein.
Dann wird die Sangeskunst auch hier in alter Kraft
empor sich schwingen zur gewandten Meisterschaft.
Und nun, ihr Sänger all, jauchzt auf in heller Lust.
Gesang nun lasst erschallen aus frohbewegter Brust.
Aus deutscher Kehle bringet jetzt so feierlich und klar
der neuen Fahne in Begeist'rung eure Lieder dar!

Die vereinigten Chöre trugen sodann unter der Leitung des Herrn Kiene das Chorlied vor, worauf Herr Vorsteher Kemmann als Vereinsvorsitzender die Fahnennägel aus den Händen der Vorsitzenden der befreundeten Vereine entgegennahm. Nun ergriff Lehrer Klein das Wort zur Festrede. Er führte u. a. aus:
Ich spreche jetzt im Namen des Vereins: In Freud und Leid zum Lied bereit, in Freud und Leid treu zur Fahne, zu diesem Emblem, dass euch vorgetragen wird bei hohen Festen, das euch auch vorangetragen wird, wenn ihr im Sängerkriege im heißen Kampfe um die Meisterschaft streitet, und das euch endlich begleitet, wenn man euch trägt zur letzten Ruhe. So oft ihr die Fahne seht, möge euch dieses Gelöbnis vor Augen treten! Dieser damals in feierlicher Stunde gefasste Entschluss ist bei den Sängern stets lebendig geblieben und der Anblick der Fahne immer als neue Verpflichtung empfunden worden.

Leider verließ Herr Kiene 1910 Ahsen. Ihm folgte der Lehrer Hugo Schlickum. Er konnte einen gut disziplinierten Verein übernehmen und bei seiner hohen Begabung für Musik das Werk seiner Vorgänger erfolgreich fortsetzen.

Als er nach drei Jahren zum Militärdienst einberufen wurde, trat sein Nachfolger im Schuldienst, der Lehrer Hubert Eggenstein, das Dirigentenamt an. Am 3. November 1913 fand derselbe in der ersten Übungsstunde eine für den Gesang begeisterte und opferbereite Sängerschar vor. Als erste Aufgabe wurde die Einführung des neuen Gregorianischen Chorals in Angriff genommen. Diesem hat er stets einen großen Teil seiner Arbeit gewidmet. Der Knabenchor wurde neu gebildet und zur Belebung und feierlicheren Gestaltung des Gottesdienstes in weitgehendem Maße herangezogen. Das Leben im Kirchenchor befand sich in schöner, Aufwärtsentwicklung. Da brach der erste Weltkrieg los und rief den Dirigenten und viele Mitglieder zu den Fahnen. Notdürftig wurde die Vereinstätigkeit aufrechterhalten. Als der Dirigent dienstuntauglich 1916 aus dem Kriegsdienst entlassen wurde, begann trotz Krieg wieder neue Arbeit im Verein, allerdings unter schwierigen Verhältnissen. Nach Kriegsende wurde allmählich ein ordentliches Vereinsleben wieder möglich. Zu den alten treuen Sängern gesellten sich viele junge, so dass die Mitgliederzahl fast 40 erreichte. Der Name Kirchenchor "Cäcilia" hatte sich mehr und mehr durchgesetzt. Auf der Vereinsfahne war mit goldenen Lettern diese Bezeichnung eingestickt worden. Der Verein trat dem 1887 gegründeten allgemeinen Cäcilienverein für Deutschland bei und beteiligte sich regelmäßig an den Dekanatscäcilienfesten.

Ein Höhepunkt im Vereinsleben war die Feier des 25jährigen Bestehens im Januar 1928. Ein feierlicher Festgottesdienst leitete die Feier ein, an der die beiden ersten Dirigenten, die Herren Klein und Kiene, teilnahmen. Sie nahmen die Überzeugung mit, dass der von ihnen ins Leben gerufene und sorgsam gepflegte Verein weiter gedeihen werde. Die Sänger, die bereits auf eine 25jährige Mitgliedschaft zurückblicken konnten, wurden besonders geehrt. Von nun an wurden alljährlich die Mitglieder, die 25 Jahre treu mitgewirkt hatten, bei dem Winterfest gebührend ausgezeichnet.

Der erste Präses, Herr Pfarrer Borchers, war ein eifriger Förderer der Kirchenmusik. Es gelang ihm, 1922 eine neue Orgel zu bauen und die unzureichende Orgelbühne auf das Doppelte zu vergrößern. Am Heiligen Abend 1922, einem Sonntag, wurde die Orgel feierlich eingeweiht. Der Sohn des Orgelbauers Breil aus Dorsten, führte die einzelnen Register vor. Die ganze Gemeinde war von ihrer Klangschönheit begeistert. Besonders der Kirchenchor war froh, einen wertvollen Helfer erhalten zu haben. Die Orgel konnte das Streben des Dirigenten wirkungsvoll unterstützen, die Gemeinde bei den liturgischen Feiern aktiv mitfeiern zu lassen, indem sie abwechselnd mit dem Chor in die liturgischen Gesänge einstimmte.

Im Jahre 1927 wagte man es, das Oratorium "Zu Bethlehem geboren" von Schnippering aufzuführen. Es meldeten sich freiwillig noch viele Sänger und Sängerinnen, so dass der Chor mit etwa 20 Mitwirkenden eine herrliche Klangfülle entwickeln konnte. Dreimal musste das Oratorium zur Aufführung gebracht werden.

Zweimal hat der Kirchenchor einem verstorbenen Pfarrer das Requiem gesungen und durch ein ergreifendes Grablied von ihm Abschied genommen. Es war 1919 der Pfarrer Meiners und 1934 der Pfarrer Borchers. 1938 feierte der Dirigent sein silbernes Dirigentenjubiläum. 1939 wurde die Aufwärtsentwicklung durch den zweiten Weltkrieg gestört. Auch das Pfarrheim, in dem seit 1930 die Proben abgehalten wurden, fiel 1944 den Bomben zum Opfer.

Der Chor fand 1946 einen neuen Leiter zunächst in Herrn Hoffmann, einem Ostvertriebenen, wohnhaft in Hullern, und dann in dem Lehrer Rothenberg aus Datteln. 1947 übernahm Herr Heinz Meer aus Ahsen die Stabführung. Den Zeitverhältnissen Rechnung tragend, wurde ein gemischter Chor gebildet. Dieser steht seit 1950 unter der Leitung des Herrn Antonius Wiebusch aus Datteln. Dass der Verein in Ahsen in hoher Achtung stand, beweist die große Zahl der Ehrenmitglieder, die durch geldliche Unterstützung die Vereinsarbeit fördern.
Ein Wort dankbaren Gedenkens verdient auch die 1950 verstorbene Lehrerin Karoline Schücker, die dem Verein von Anfang an eine Gönnerin war. Mit ihrem feinen Musikempfinden gab sie dem Dirigenten wertvolle Fingerzeige und scheute auch vor scharfer Kritik nicht zurück. Sie war stets zur Mitarbeit bereit und trug durch Gesangpflege in der Schule und im Jungfrauenverein wesentlich dazu bei, dass der Gesang in der Kirche auf einer hohen Stufe stand.

Als Förderer des Humors bereiteten besonders die Sangesbrüder Hermann Brenk und Vinzenz Wanz den Mitgliedern frohe Erholungsstunden, in denen alle Kraft zu neuer Arbeit schöpften. Sie haben viel Zeit und Mühe dem Kirchenchor geopfert und so bleibende Verdienste um den Gesang erworben.
Alljährlich trat der Verein mit einem Winterfest an die Öffentlichkeit. Hier zeigte er, dass auch die Pflege des deutschen Liedes, besonders des schlichten Volksliedes, nicht versäumt wurde. Auf diesen Festen zeigte sich immer die Verbundenheit des Kirchenchores mit der ganzen Gemeinde, die auch an der Jubelfeier warme Anteilnahme zeigt und sie als Fest der Freude und des Dankes feiert.

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